Krise als Ressource am Beispiel von „Vaya von Dios“:

Vaya con Dios. Das ist ein Film, den ich mir gerne ansehe, wenn ich gerade mal nicht weiß, was im Großen und Ganzen als Nächstes ansteht. Da hilft Pause machen.

Im Film geht es um vier Mönche in einem alten Kloster, in Ostdeutschland. Das Seil für die letzte Glocke reißt. Beim Reparaturversuch kommt einer der Mönche beinahe zu Tode, da die Bretter nicht mehr tragen und es viele Meter in die Tiefe geht. Dramatische Szenen, die darin gipfeln, dass der Abt einem Herzinfarkt erliegt. Auslöser ist ein Besuch der Gläubigerin, an die das Kloster verpfändet ist. Sie verlangt das Geld zurück, mit dem sich die Gemeinschaft bis dato noch über Wasser halten konnte. Eine ausweglose Situation, denn die Mönche haben sich niemals um die Erwirtschaftung von Ressourcen gekümmert. Singen und beten sind die Ideale der Ordensregel und die haben sie verfolgt, sehr erfolgreich. Gänsehautmusik.

Und da ereilt sie der Tod, mitten im Leben: auf dem Sterbebett erteilt ihnen der Abt des Klosters einen letzten Auftrag. Das eigene Kloster ist nicht mehr zu retten. Es gibt jedoch noch ein weiteres Kloster, das zum Orden gehört, in Italien. Doch die beiden Gemeinschaften haben sich vor langer Zeit verstritten. Dorthin sollen sie aufbrechen. Als die Mönche zurückfragen, was sie dort erwartet, hebt der Abt ein letztes Mal schulterzuckend die Hand. Er ist ratlos. Dann stirbt er.

So brechen die drei Mönche auf, ins Ungewisse, und begegnen dabei allerhand Herausforderungen der „wahren“ Welt, die sie bis dato erfolgreich ausgeblendet haben. Doch die Vergangenheit holt sie ein und so treffen sie auf ihr früheres Leben und beginnen zu experimentieren. Welche Alternativen gibt es zur Ungewissheit in Italien bzw. zu einem Leben außerhalb des Klosters. Darüber vergessen sie ihren Glauben im Getümmel der Dinge. Doch einer, der Jüngste, der schon als Kind ins Kloster gebracht wurde, interveniert. Besonders schwer ist die „Umkehr“ für den Denker. Nur indem sie ihn mit dem „Herzstück“ ihres Glaubens in Schwingung/Kontakt/Resonanz bringen, kommt er zur Besinnung. Es ist die Musik.

Herzlich willkommen in Italien kann der Orden weiterleben, denn einerseits überwiegt die Freude über das Wiedersehen und der Streit ist längst vergessen, nach so langer Zeit. Andererseits haben die Mönche in Italien gelernt, beides zu bedenken: die Pflege des Glaubens und das Wirtschaften. Durch die Rückkehr der Ordensregel und die neuen Kräfte kann es kraftvoll weitergehen. Die durch ihre Experimente/Reflexionsschleifen gestärkten Mönche bringen viel ein. Alle singen am Ende gemeinsam und man ist überzeugt davon: der Orden und alle seine Mitglieder sind in einer neuen Lebensphase angekommen. Nur einer ist unglücklich. Der junge Mönch. Sein Auftrag ist erfüllt. Da klopft es an der Tür und eine neue Reflexionsschleife beginnt: er verlässt das Kloster.

Ähnlich wie in Vaya con Dios galt für Kirche lange Zeit: „Der Niedergang einer Organisation mag auch darin eine Erklärung finden, dass das System seiner eigenen Organisationskultur zu viel Aufmerksamkeit schenkt und zu wenig auf Umweltveränderungen achtet.“

Die Frage nach dem „Herzblut“ von Menschen, das, was uns am Leben hält, das ist der Auftrag Jesu, manchmal auch gegen die Gebote des Alten Testamentes.
Eine Intervention für den Auftrag von Kirche lautet daher: „Wo schlägt (im Blick auf die unterschiedlichen Handlungsfelder) mein Herz?“. Herzensthemen sind große Ressourcen.
Ich freue mich jedesmal, wenn ich nach dem Herzblut frage über zunächst nachdenkliche Aussagen und entschlossene Gesichter.
Als ich noch als Gemeindeberater im PuK-Prozess der ELKB unterwegs war, hat nach der Vorstellung der Fragen aus den in Bayern seinerzeit recht bekannten PuK-Karten zum Handlungsfeld „Lebensfragen klären und Lebensphasen seelsorgerlich begleiten“ jemand nachdenklich gesagt: „Das heißt also: Kirche ist auf dem Weg in eine neue Lebensphase.“ Das hat mich damals schon berührt.

Heute ist das für mich keine Frage mehr und ich hoffe, dass Kirche unterwegs bleibt, obwohl sie gerade ähnlich am Pranger steht, wie seinerzeit der Christenverfolger Saulus – heute bekannt als Heidenmissionar Paulus – oder wie die Mönche, denen der Zufall den Geldhahn zugedereht und den Abt genommen hat. Diese Zufälle beenden selbst die Spaltung der Gemeinschaft. So hoffe ich das auch für die beiden großen Kirchen in Deutschland und eigentlich für alle, die sich einer Nachfolge Jesu verschrieben haben.
Ich hoffe, dass Kirche unterwegs bleibt, vor allem, weil das Interesse an Spiritualität derzeit so groß ist wie lange nicht. Kairos!?

Das Lehrbuch sagt: „Langsamer und nur sehr begrenzt lenkbar ist ein Wandel der Organisationskultur möglich“.

Ich habe den Eindruck Gott hat durch seine Art und Weise zu wirken (den Zufall – vgl. Homepage), gerade einen Brandbeschleuniger für den Wandel gezündet und dafür bin ich sehr dankbar und ich hoffe, viele Menschen mit mir…

Quellen: Niklas Luhmann, Organisation und Entscheidung. Opladen u. Wiesbaden 2000, zitiert nach: Arist von Schlippe/Jochen Schweitzer, Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I – Das Grundlagenwissen, Studienausgabe, Göttingen 32016, S. 140f.

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